Der Kaffeehausspiegel

  • Diese Geschichte ist vor ungefähr 1 Monat entstanden. Ich habe sie für eine Veranstaltung bei den Wiener City Festwochen geschrieben, aber zu erklären, was genau das ist, würde jetzt zu viel Zeit in Anspruch nehmen. :D
    Kurz gesagt gab es bei diesen Festwochen mehrere Projekte: eines davon hieß Wien Wörtlich. Hierbei sollten Schüler Texte von bekannten Dichtern aussuchen und vor größerem Publikum vorlesen. Außerdem war das Ziel einen eigenen Text zu verfassen, der dann von ( zumindest in Österreich =) ) bekannten Schauspielern vorgelesen wurde. Das Thema dabei war "Kaffeehausliteratur".


    Viel Vergnügen beim Lesen ;) Er ist etwas deprimierend und theatralisch ausgefallen, aber naja... ;)


    Langsam wie eine scharlachrote Schlange fährt die Straßenbahn durch die Straßen Wiens. Sie fährt und steht, fährt und steht, immer wieder, den ganzen Tag. Und die Leute steigen ein, steigen aus und steigen ein, immer wieder, den ganzen Tag. Es ist wie die immer wieder kehrende Melodie, der immer gleiche Rhythmus einer mir wohlbekannten Musik. Nichts ist neu, nichts ist anders, wie ein Film, den man schon oft, zu oft gesehen hat. Müde wende ich meinen Blick und starre aus dem von fettigen Fingern verschmutzten Fenster der Straßenbahn. Eine Uhr, smaragdgrün umrandet und mit römischen Ziffern sticht mir ins Auge. „Halb eins, “ ruft sie mir entgegen. Ich antworte nicht. Betrübt senke ich meinen Blick. Noch eine halbe Stunde, mehr Zeit bleibt mir nicht. Dann ist die Mittagspause vorbei und der Alltag hat mich wieder. Seit fünfunddreißig Jahren nun schon verdiene ich mein Geld in einer alten Postfiliale im 18. Bezirk. Die Luft dort ist stickig, der Putz fällt von den Wänden und mein jüngerer Kollege bläst mir seinen Zigarettenrauch ins Gesicht. Mit Absicht, sage ich, mit Absicht.
    Mit einem Ruck bleibt die Straßenbahn abrupt stehen, beinahe falle ich vornüber. Etwas perplex erhebe ich mich und steige langsam aus dem Zug aus. Frische Luft strömt mir entgegen und streicht sanft mein kurzes Haar zurück. Ich hebe meinen Kopf und betrachte den Himmel. Wolken ziehen an mir vorbei, ohne Hast und ohne Ziel. Ich schaue ihnen nach, wie sie langsam verschwinden, wie sie sich verbinden, sich teilen und ihre Form verändern. Sie sind wie das Leben. Jedes Mal ein bisschen anders, und doch immer gleich, eintönig, das Selbe. Die Wolken langweilig mich. Die Menschen langweilen mich. Alles langweilt mich.
    Eine Hupe weckt mich aus meinem kurzen Tagtraum und ich setze meinen Weg fort. Jeden Mittag, nur nicht am Sonntag, gehe ich hier, um ein bestimmtes Kaffeehaus zu besuchen. Es ist ein kleines Café und auch kein besonderes. Keines, das man in einem Reiseführer finden würde, keines, das einem von Bekannten geraten wird und auch keines, in dem man die Wiener Kaffeekultur kennen lernen könnte. Nein, es ist einfach ein ganz normales Kaffeehaus. Genauso normal sind auch die Leute, die darin tagein tagaus verkehren. Es sind gewöhnliche Menschen, die einen kleinen Braunen genießen wollen, ohne dabei allzu viel Geld auszugeben. Der Kaffee ist ebenfalls nichts Besonderes, ebenso wenig die Bedienung und das Etablissement. An diesem Ort ist einfach alles normal, nichts ist außergewöhnlich, nichts auch nur erwähnenswert.
    Und doch, nicht alles. Und doch gibt es in diesem Café etwas, das es wert ist genauer betrachtet zu werden. Die meisten Leute, oder vielmehr, alle Leute beachten es nicht, nehmen es gar nicht wahr. Alle, außer mir. Und es ist ihnen auch nicht zu verübeln, dass sie es nicht bemerken, denn es ist nichts weiter als ein kleiner uralter Spiegel, der an der hintersten Wand des Cafés hängt, einsam, unbemerkt und unauffällig. Ich habe nie herausgefunden, warum er dort platziert worden ist, denn er ist weder schön, noch besonders funktionstüchtig. Sein verstaubter nussbrauner Rahmen wirkt alles andere als anziehend und der Spiegel selbst ist uneben, sodass er ein verzehrtes Spiegelbild widergibt. Es gibt keinen Grund für seine Anwesenheit, für seine Existenz, er ist einfach nur da. Keiner würde sich wundern, sich fragen oder es gar bemerken, wenn er plötzlich weg wäre. Die Welt würde sich weiterdrehen, als wäre nichts geschehen. Ich frage mich oft, ob es bei mir nicht das Selbe ist. Wer wird sich an mich erinnern, mich beweinen und mein Andenken bewahren, wenn ich einmal fort bin? Niemand. Niemand wird das tun, denn ich bin allein auf dieser Welt.
    Endlich erreiche ich das kleine Kaffeehaus. Ich bleibe stehen und betrachte es. Durch die Glasscheiben sehe ich die Gäste, wie sie miteinander reden, tuscheln und lachen, wie sie Geschichten erzählen, traurige, lustige, erfundene und echte. Kellner gehen geschickt um die eng beieinander stehenden Tische herum und servieren Tassen voll heißem Kaffee. Stundenlang könnte ich hier stehen und das schnelle Treiben im Café beobachten, doch bald ist meine Mittagspause vorbei und ich muss zurück zu meiner Arbeit, wo mein Kollege mit seinen lästigen Zigaretten sicher schon auf mich wartet.
    Schon jetzt weiß ich, wie mein Besuch im Café ablaufen wird. Mit geradem Rücken werde ich eintreten und, ohne einen der Gäste anzublicken, zu meinem Stammtisch gehen. Dort werde ich mich gemütlich hinsetzen, meine Jacke ablegen und den kleinen haselnussbraunen Spiegel betrachten. Dann werde ich mit einem dezenten Schnipsen der Finger den Ober rufen und einen kleinen Braunen mit einem Glas Leitungswasser bestellen. Schlussendlich werde ich das Geld auf den Tisch legen und genauso souverän, wie ich eingetreten bin, den Raum verlassen. Ja, ganz sicher, so wird es sein, denn so läuft es jedes Mal ab. Und Veränderungen gibt es in meinem Leben nun mal nicht.
    Mit einem Seufzer öffne ich langsam die schwere Glastür und trete ein. Keiner der Gäste dreht sich nach mir um, keiner bemerkt, dass gerade ein weiterer Gast ins Café gekommen ist, doch das stört mich nicht. Im Gegenteil, er mir sogar ganz recht. Schnellen Schrittes nähere ich mich meinem Stammtisch, einem kleinen runden dunkelbraunen Tisch, der im Eck des Raumes steht. Hier sitzt nie jemand, da man hier völlig abgeschieden von den übrigen Gästen ist. Niemand, außer mir. Ich setze mich ruhig und gelassen nieder, lege meine Jacke sorgsam ab und richte meinen Blick auf den kleinen Spiegel, so, wie ich es immer tue. Doch etwas ist anders. Dort, an der weißen Wand, hängt nicht mehr der alte haselnussbraune Spiegel, stattdessen hat ein viel größerer, besserer Spiegel seinen Platz eingenommen. Sein Rahmen ist himmelblau und wunderschön geformt und das makellos glatte Glas gibt mein Gesicht völlig fehlerfrei wider. Ich rufe nach dem Ober und frage ihn, was mit dem alten Spiegel passiert ist. Dieser lächelt und erklärt freundlich: „ Der alte Spiegel? Ach, der war einfach nicht mehr funktionstauglich und hässlich noch dazu. Musste eben dem Fortschritt Platz machen, ist besser so. Wollen Sie schon bestellen?“ Ich antworte nicht, wende mich ab und nehme meine Jacke. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, verlasse ich das Café. „Dem Fortschritt Platz machen.“ Immer wieder geht mir dieser Satz durch den Kopf, ich kann ihn nicht vergessen. Nicht, als ich in die Straßenbahn einsteige, nicht, als ich darauf warte, dass die Ampel grün wird, und selbst dann nicht, als ich längst wieder in meiner Postfiliale bin. Muss ich denn auch dem Fortschritt Platz machen? Werde auch ich entfernt, weil ich nicht mehr funktionstauglich, weil ich hässlich geworden bin? Mein jüngerer Kollege zündet sich eine Zigarette an, so wie er es immer tut, und bläst mir den Rauch ins Gesicht. Mit Absicht, sage ich, mit Absicht.

  • Respekt! =)


    Wie kommt es, dass Du in Deinem Alter eine solche Geschichte schreibst?
    Ich hätte sie eine wesentlich älteren Person zugetraut.
    Du siehst mich nachdenklich...

  • Wow 8o
    Ich wünschte ich könnte auch so tiefsinnige Geschichten schreiben, oder es auch einfach nur mal hinbekommen eine gute Kurzgeschichte zusammenzuschreiben.
    Respekt echt, das ist extrem gelungen und total schön geschrieben!

  • Omg... ich bin total begeistert! :eek7:


    Ich weiß gar nich, was ich sagen soll... einfach nur toll!
    Wirklich, weißt du, das sind so Geschichten, die mich wirklich immer begeistern. Solche Geschichten... Geschichten die etwas über das Leben aussagen. Wo Menschen über das Leben nachdenken. Liegt wohl daran, dass ich auch so bin... ich denke sehr viel über das Leben nach, sehr, sehr viel. Und ich würde gerne auch darüber schreiben können. Vielleicht wird es sogar mal was. Ich müsste es vielleicht mal ausprobieren... aber ich weiß nicht, ob es klappt ... :nixweiss:


    Auf jeden Fall gibt es hier wirklich nur Lob! Tolle Geschichte, schreib doch bitte mehr! Ich weiß, das ist vielleicht viel verlangt, aber ich bitte dich doch drum.. es ist wirklich schön. Und es regt bestimmt auch noch mehr Menschen zum Nachdenken an. Also nochmal: Tolle Geschichte!


    LG, Erika =)