Öko Fantasy - Alter Wein in neuen Schläuchen

  • So, kaum mehr als 10 Beiträge gepostet und schon ein neues Thema aufmachen! Herrje, wo kommen wir denn da hin?!


    Worum es mir geht: In jüngerer Vergangenheit habe ich zwei Zyklen gelesen, in denen das Motiv der gequälten/ausgebeuteten Natur, die sich daraufhin am Menschen rächt, eine große Rolle spielt. Zum einen war das die hervorragende Tetralogie von Markolf Hoffmann, Im Zeitalter der Wandlung, sowie von Greg Keyes, Die Verlorenen Reiche - wobei letztere noch nicht abgeschlossen ist.


    Bei Hoffmann steht die Knechtschaft einer natürlichen Ressource im Vordergrund. Und nach der Befreiung dieser Quellen rächt sich die Natur bitterlich am Menschen. Das Ganze ist aber so komplex und vielschichtig in die sehr gute Geschichte eingebettet, daß man nicht daß Gefühl hat, hier den moralischen Holzhammer auf die Nuß zu bekommen.
    Bei Keyes ist es fast noch deutlicher, weil die dortige erwachte Natur-Gewalt (in Form des Dornenkönigs) auch deshalb erwacht ist, weil der Wald, in dem er wohnt, immer kleienr wird (das wird zumindest am Rande mal erwähnt). Und auch die Äußerungen der vermeintlicher Opfer (SPOILER: die Kinder der entgeistigten Menschen aus den kleinen Siedlungen im Wald) reden eindeutig davon, daß ihr Kampf ein gerechtes zurückschlagen sei.


    Generell taucht dieser Öko-Gedanke schon bei Tolkien auf: die Orks, die die beginnende Industrialisierung darstellen als Stichpunkt genannt (in der Verfilmung noch deutlicher (besser) zum Ausdruck gebracht, als im Buch). Aber neu ist meines Erachtens, diesen Aspekt als Antriebsfeder der gesamten Story zu nehmen, ihn in den Mittelpunkt zu stellen.


    Ich persönlich finde das sehr schön, weil das eine sehr gute Motivation ist, im Kampf "gut gegen böse". Es gibt diesem Kampf quasi erst einen Sinn. Es bedeutet, daß "das Gute" die Natur, die Grundlage des Lebens auf einer Welt ist. Wer diese Grundlage zu zerstören sucht, ist lebensverachtend und -verneinend und deshalb "Böse" - nicht nur, weil er auf dem schwarzen und nicht dem weißen Pferd sitzt...


    So, jetzt seid Ihr gefragt: teilt Ihr diese Gedanken, ist das hahnebüchener Unsinn, oder kennt Ihr die genannten Serien gar nicht? Wenn Letzteres der Fall ist: KAUFEMPFEHLUNG!!! Für beide!!!


    Gruß,
    nördler (der hofft, hier eine muntere Diskussion über "moderne" Aspekte in der Fantasy in Gang gesetzt zu haben).

    [IMG:http://www.comicforum.de/comicforum/images/smilies/dvvico.gif]


    „Wenn wir so weiter machen, dann kommen neue Selektionsmechanismen zwischen Staaten, zwischen Rassen, zwischen Religionen, zwischen berechtigten Menschen und unberechtigten, zwischen wertvollen und nicht wertvollen Menschen, dann wird der monetäre Wert des Menschen irgendwann in den Vordergrund geschoben und dann beginnt ein neues Zeitalter der Barbarei. Das ist unausweichlich.“ Hermann Scheer in "Let's make money"

  • Nun ja, schon alter Wein, meine ich (aber einer, den ich tendentiell mag). (Epische) Fantasy bietet sich für die Thematik in gewisser Weise geradezu an. Sie spielt oft in schönen, grünen, unberührten, natürlichen Welten. Und der Konflikt geht oft damit einher, daß dieses Land bedroht - verwundet - wird; die Helden müssen es dann retten/heilen.


    Das ist zwar irgendwie eine vage Universal-Symbolik, aber ich glaube schon, daß spätestens seit der Erfindung der Öko-Bewegung und des Umweltschutzes Autoren ganz bewußt damit operiert haben. Fantasy-Autoren, die über solche unberührten Welten schreiben, mögen diese Art von Natur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ja auch...
    Wenn der Zeigefinger nicht allzu deutlich sichtbar wird bzw. man der "erzieherischen Funktion" nicht alles andere opfert, gefällt mir der Ansatz schon.
    Kennst du dann schon "Im Zeichen des Mammuts" von Tobias O. Meißner? Das nimmt ganz konkret Umweltthemen in einer Fantasy-Umgebung als Plot-Mittelpunkt (im ersten Band wird ein See verseucht, im zweiten geht es u.a. um Walfang; irgendwann kommt wohl was mit Tierversuchen...). Das klappt erstaunlich gut im Fantasy-Setting, längst nicht so forciert, wie es vielleicht klingt. Vorsicht allerdings, wenn dir Rollenspiel-Anleihen grundsätzlich auf den Keks gehen: Die sind da zwar lange nicht so deutlich wie bei Richard Schwartz, aber man hat halt auch eine Abenteuer erlebende Gruppe, die immer wieder einen neuen Auftrag bekommt.
    Gruß vom Käferl

  • Zitat

    Original von nördler
    Generell taucht dieser Öko-Gedanke schon bei Tolkien auf: die Orks, die die beginnende Industrialisierung darstellen als Stichpunkt genannt (in der Verfilmung noch deutlicher (besser) zum Ausdruck gebracht, als im Buch). Aber neu ist meines Erachtens, diesen Aspekt als Antriebsfeder der gesamten Story zu nehmen, ihn in den Mittelpunkt zu stellen.


    Neu???
    Nicht wirklich...


    Die denkenden Wälder - Foster (OK, eher SF-Einschlag...)
    Der Mahatma und der Hase - Haggard (eher Anti-Jagd, aber auch Bezüge zur Industrialisierung, wenn man den Menschen als Maß der Dinge nimmt...)


    Und eigentlich ist Okö-Fantasy ja nur eine neue Spielart der Okö-SF, die wieder nur eine Spielart der Dystopie ist, die besonders in den 60er und 70ern viele Wasserträger hatte.


    Man denke an "Schafe blicken auf" oder auch uralte Sachen wie die "Triffids".

  • Zitat

    Original von TeichDragon
    Und eigentlich ist Okö-Fantasy ja nur eine neue Spielart der Okö-SF, die wieder nur eine Spielart der Dystopie ist, die besonders in den 60er und 70ern viele Wasserträger hatte.


    Man denke an "Schafe blicken auf" oder auch uralte Sachen wie die "Triffids".


    Carl Amery nicht zu vergessen. Allerdings beargwöhnten viele SF-Schriftsteller, die sich mit ökologischen Themen beschäftigten, etwa Amery und Thomas Ziegler, die Fantasy als (potentiell) eskapistisch.

  • Ich habe ein Buch mit einer solchen Thematik noch nicht gelesen, wenn es gut verpackt ist würde es mich vermutlich auch nicht stören. Wenn ich allerdings beim lesen den Eindruck bekäme da will mir einer mit der Moralkeule seine Weltansicht aufdrücken würde ich das Buch wohl weglegen. Die Ökobewegung als solche geht mir nämlich tierisch auf den Keks.

  • Zitat

    Original von Thjolvar
    Wenn ich allerdings beim lesen den Eindruck bekäme da will mir einer mit der Moralkeule seine Weltansicht aufdrücken würde ich das Buch wohl weglegen. Die Ökobewegung als solche geht mir nämlich tierisch auf den Keks.


    Wie stellte Marco Frenschkowski auf den letztjährigen Tagen der Phantastik ganz richtig fest? Von Büchern mit Botschaft fühlt man sich immer nur dann genervt, wenn die Botschaft nicht den eigenen Ansichten entspricht.

  • Zitat

    Original von Marengo


    Wie stellte Marco Frenschkowski auf den letztjährigen Tagen der Phantastik ganz richtig fest? Von Büchern mit Botschaft fühlt man sich immer nur dann genervt, wenn die Botschaft nicht den eigenen Ansichten entspricht.


    Das stimmt :D


    Nachtrag: Wobei... wenn die Botschaft in den Weg der Handlung kommt, weil der Autor eben zu zwanghaft versucht da was rüber zu bringen anstatt seine Geschichte zu erzählen, dann würde mich das wohl nicht inhaltlich aber auf jeden Fall handwerklich stören.

  • Plump ist plump, klar. Aber da ist eben Thjolvars Unterscheidung zwischen einem Inhalt, der einem an sich nicht gefällt, und einem Inhalt, der misstönend rübergebracht wird. MZBs Avalon-Romane finde ich z.B. handwerklich okay, aber die enthaltene Ideologie geht mir so tierisch auf den Senkel, dass es mir das Lesevergnügen vergällt.

    Marengo alias Ophorus alias Anubis alias Murilegus


    »Dort ist meine Heimat, wo ich meine Bibliothek habe.« (Erasmus von Rotterdam)


    Lake Hermanstadt

    Einmal editiert, zuletzt von Marengo ()

  • Ja, da habt Ihr recht.
    Aber beid en von mir genannten Beispielen denke ich auch nicht, daß man von plumpen anbiedern irgendwelcher Weltansichten sprechen kann.
    Und daß die Idee - Bewahrung der Natur als Triebfeder des Handelns - nicht ganz neu ist, hatte ich auch nicht gemeint. Sie ist nur eben jetzt (für mich) in "moderner" Fantasy zum ersten Mal bewußt aufgetaucht.


    Die anderen Bücher, auf die hier verwiesen wurde, kenne ich leider nicht - also danke für die Anregungen!

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    „Wenn wir so weiter machen, dann kommen neue Selektionsmechanismen zwischen Staaten, zwischen Rassen, zwischen Religionen, zwischen berechtigten Menschen und unberechtigten, zwischen wertvollen und nicht wertvollen Menschen, dann wird der monetäre Wert des Menschen irgendwann in den Vordergrund geschoben und dann beginnt ein neues Zeitalter der Barbarei. Das ist unausweichlich.“ Hermann Scheer in "Let's make money"

  • Ein sehr interessantes Thema.
    Ich kenne von dieser Art Fantasy bis jetzt nur "Im Zeichen des Mammuts", wo ich finde, dass das Thema sehr angenehm umgesetzt wurde und auch ohne, dass der Autor versucht, einem irgendeine Ideologie aufzudrängen.
    Vielleicht werde ich mir die anderen genannten Reihen aber mal anschauen, mal sehen.
    Ich finde das Thema Umweltzerstörung/Umweltschutz grundsätzlich sehr interessant und auf jeden Fall besser als völlig weit hergeholte Geschichten mit irgendwelchen bösen Dämonen usw. aber wenn versucht wird, einem diese Botschaft mit der Holzhammermethode zu vermitteln, spricht es mich meistens nicht so an.
    Die absolute Glorifizierung einer unberührten, heilen Natur, die auch bei Tolkien mitschwingt, ist nicht so ganz mein Fall, aber es würde mich jetzt auch nicht unbedingt von einem Buch fernhalten, wenn es mich ansonsten anspricht.


    Hoch interessant wäre in diesem Zusammenhang aber auch einmal eine Umkehrung der Rollenverteilung, bei der die Technologibefürworter tatsächlich auf der Seite des "Guten" stehen und Technologie auch wirklich nötig ist, um die Menschen vor den übrigen Lebewesen der Fantasywelt zu schützen.
    Gibt es so was eigentlich?


    Jedenfalls habe ich auch in vielen Fantasybüchern das Gefühl, das von seiten der Autorin nicht nur technische Errungenschaften, sondern auch zahlreiche andere Fortschritte unserer Gesellschaft, beispielsweise ein demokratisches System und ein Rechtsstaat, in dem nicht jeder Bürger zu den Waffen greifen darf, abgelehnt werden, zumindest für die erfundene Welt.
    Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass die Autoren es auch tatsächlich ablehnen, obwohl ich teilweise schon den Eindruck habe.

  • Hallo Tochter von Deterio!


    Bei Greg Keyes ist es gar nicht so, daß die Kräfte, die - vereinfacht gesagt - für die "Rache der Natur" stehen, die "Guten" sind. Kann auch gar nicht, weil eine völlig freie, quasi ungefesselte Natur schon einigermaßen feindlich dem menschen gegenüber ist. Und das bedeutet dann, daß der Kampf für die natürlichen Gewalten einer ist, der sich außerhalb des menschlichen gut-böse-Schemas bewegt.


    Und nochmal für diejenigen (eigentlich alle), die vor Holzhammer-Wollpullis im Fantasy Gewand zurückschrecken: ich würde beiden Autoren einen Bärendienst erweisen, wenn dieser Verdacht aufkommt! Ich kann mir gut vorstellen, daß ich da auch viel reininterpretiert habe...


    Gruß,
    nördler

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    „Wenn wir so weiter machen, dann kommen neue Selektionsmechanismen zwischen Staaten, zwischen Rassen, zwischen Religionen, zwischen berechtigten Menschen und unberechtigten, zwischen wertvollen und nicht wertvollen Menschen, dann wird der monetäre Wert des Menschen irgendwann in den Vordergrund geschoben und dann beginnt ein neues Zeitalter der Barbarei. Das ist unausweichlich.“ Hermann Scheer in "Let's make money"

  • Zitat

    Original von Deterios Tochter
    Jedenfalls habe ich auch in vielen Fantasybüchern das Gefühl, das von seiten der Autorin nicht nur technische Errungenschaften, sondern auch zahlreiche andere Fortschritte unserer Gesellschaft, beispielsweise ein demokratisches System und ein Rechtsstaat, in dem nicht jeder Bürger zu den Waffen greifen darf, abgelehnt werden, zumindest für die erfundene Welt.
    Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass die Autoren es auch tatsächlich ablehnen, obwohl ich teilweise schon den Eindruck habe.


    Ich würde einen Unterschied machen zwischen kulturkritischer und zivilisationskritischer Fantasy. Tolkien hatte an der Industriemoderne einiges auszusetzen, aber Willkür und das Recht des Stärkeren waren seine Sache nicht. Das ist schon eher so bei Robert E. Howard und Poul Andersons Wikingerromanen. Wobei Anderson sich zu exkulpieren versucht, indem er behauptet, er stelle die Barbarei nur als abschreckendes Beispiel für die Zivilisation dar.