Beiträge von frankweinreich

    moin, moin,


    es wird sich eine Gesellschaft für Fantastikforschung in Deutschland gründen und im nächsten Herbst auch gleich eine schöne Konferenz in Hamburg abhalten:


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    Call for Papers
    Erste Jahrestagung und Gründungskonferenz der
    Gesellschaft für Fantastikforschung (GFF) an der Universität Hamburg
    Fremde Welten. Wege und Räume der Fantastik im 21. Jahrhundert.


    30. September – 03. Oktober 2010


    Ausschreibung:
    Der Erfolg von Joanne K. Rowlings Harry Potter Romanen, der Matrix-Reihe der Wachowski-
    Brüder und Peter Jacksons Herr der Ringe hat weltweit dafür gesorgt, dass die Themenbereiche der
    Fantastik aus der Einordnung in die Genreliteratur heraus getreten sind und sich einen Platz im
    weiten Feld der akademischen Auseinandersetzungen erobert haben. Das überwältigende Interesse
    der Menschen an Fantastik - in all seinen Spielarten - wurde schnell von den Medien aufgegriffen
    und führte dazu, dass auch im akademischen Rahmen Forschungsaktivitäten initiiert oder
    intensiviert wurden. Im angloamerikanischen Sprachraum traf der populäre Boom auf bereits vorhandene
    Strukturen, so dass Organisationen wie die International Association for the Fantastic in the Arts
    (IAFA) oder die Science Fiction Research Association (SFRA) das neu gewonnene Interesse an ihrer
    Arbeit begrüßen und sich dadurch stärker innerhalb der akademischen Forschergemeinschaft positionieren
    konnten.
    Im deutschen Sprachraum jedoch ist das akademische Interesse an Fantastik bislang ohne ausreichende
    Anbindung an eine gemeinsame Organisation oder ähnliche Netzwerkstrukturen. Wir sehen
    daher die Gründung einer Gesellschaft für Fantastikforschung (GFF) als ersten wichtigen Schritt, die
    deutschsprachige Forschung zur Fantastik international anzubinden und somit einerseits diese
    Forschung sichtbarer zu machen und andererseits Grenzen zu überschreiten und Forscher in einer
    Gesellschaft zu vereinen. Zu diesem Zweck ist an der Universität Hamburg geplant, im Oktober
    2010 die Gründungskonferenz und erste Jahrestagung der GFF mit dem Titel „Fremde Welten -
    Wege und Räume der Fantastik im 21. Jahrhundert“ abzuhalten. Die Konferenz ist ausdrücklich
    interdisziplinär und international angelegt und versteht den Begriff „Fantastik“ in seiner umfassenden
    Definition als Oberbegriff aller fantastischen Genres, wie etwa Fantasy, Horror, Gothic,
    Science Fiction, Speculative Fiction, aber auch Märchen, Fabeln und Mythen. Interdisziplinarität ist
    dabei ein zentraler Aspekt der GFF, die sich als akademisches Netzwerk versteht, das mögliche
    Forschungsinteressen vor allem aus Literatur, Film, Fernsehen, Kultur, Kunst, Neuen Medien,
    Architektur und Musik vereint und zusammenführt, aber auch Einflüsse aus Soziologie, Anthropologie,
    Geschichtswissenschaft und Philosophie in sich aufnimmt. Internationalität ist dabei durch
    die bifokale Ausrichtung der Gesellschaft und der Konferenz gewährleistet, die sich einerseits an
    deutschsprachige Forscher eben dieser Bereiche richtet, aber andererseits auch Mitglieder und Teilnehmer
    aus der internationalen Forschung zur deutschsprachigen Fantastik sucht und ausdrücklich
    einlädt.
    Die Konferenz versteht Fantastik als einen der wichtigsten Teilbereiche der populären Kultur und
    sieht in ihr eine Reflektion von Machtverhältnissen und Interessenskonflikten, die im Populären
    eine Vorwegnahme von gesellschaftlich zentralen Diskursen erfährt, wie sie sonst in keinem
    anderen kulturellen Bereich zu finden ist. Als eine Form, die sich per se mit alternativen Welten
    bzw. grenzüberschreitenden Erfahrungen von Raum und Zeit befasst, bietet die Fantastik ein
    geradezu paradigmatisches Feld, fiktionale kulturelle Räume vor dem Hintergrund historisch-realer
    Entwicklungen zu untersuchen bzw. aus Sicht des 21. Jahrhunderts neu zu entdecken. Zu
    untersuchen gilt, warum unsere Gesellschaft nach Fantastik verlangt und welche Alternativen diese
    Kulturform uns aufzeigt? Wie hat sie sich in den letzten Jahren verändert und entwickelt? Und
    speziell im deutschen Sprachraum besteht noch die Frage, welche Räume sie bislang errichtet hat
    und wo sie sich derzeit wieder findet?
    Die Konferenz „Fremde Welten - Wege und Räume der Fantastik im 21. Jahrhundert“ versucht
    einerseits eine Bestandsaufnahme der akademischen Auseinandersetzung mit Fantastik im deutschen
    Sprachraum zu leisten, andererseits diese Forschungen in einen internationalen Dialog zu
    bringen. Sie möchte Forscher und Interessierte zusammenführen und einen Austausch über die
    vielen, noch offenen Fragen anregen. In Anlehnung an den Konferenztitel lassen sich daher
    beispielhaft einige dieser Fragen benennen: Welchen Weg ist die Fantastik bislang gekommen?
    Welchen Weg wird sie in Zukunft gehen? Und vor allem: Wo ist sie zurzeit zu finden, welche
    Räume hat sie für sich erschlossen?


    Die Organisatoren rufen nun alle Interessierten auf, bis zum 01.04.2010 Vorschläge für Beiträge zur
    Konferenz einzureichen. Möglich sind Vorschläge für Vorträge (in Vortragssitzungen bis zu 3 Teilnehmern,
    je 20 Minuten), Panel-Diskussionen (moderiert, mit 3-5 Teilnehmern) oder Autorenlesungen
    aus allen Bereichen der Fantastik in deutscher oder englischer Sprache.
    Vorschläge von max. 250 Wörtern und kurze, biografische Information sowie Kontaktdaten richten
    Sie bitte per Email an: lars.schmeink [at] uni-hamburg.de


    Weitere Informationen erhalten Sie ebenfalls unter dieser Adresse.
    Organisation:
    Lars Schmeink
    Universität Hamburg
    Institut für Anglistik und
    Amerikanistik
    Von-Melle-Park 6
    D-20146 Hamburg


    Prof. Dr. Astrid Böger
    Universität Hamburg
    Institut für Anglistik und
    Amerikanistik
    Von-Melle-Park 6
    D-20146 Hamburg


    Prof. Dr. em. H.-H. Müller
    Universität Hamburg
    Institut für Germanistik II
    Von-Melle-Park 6
    D-20146 Hamburg


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    Hört sich doch gut an. Vielleicht sehen wir uns da? Ich plane auch, der neuen Gesellschaft beizutreten.


    ciao
    Frank

    Hi zusammen,


    dank Dir Teich, dass Du mich auf den Thread aufmerksam gemacht hast.


    Obwohl mich Deine Mail echt in die Bredouille gebracht hat: Der Ring und Philosophie? Und du kennst das Buch nicht, Frank ... wie peinlich ...


    Aber hey - doch nicht peinlich, denn so langsam dämmerte mir, das ich das Buch vielleicht doch kenne. Und tatsächlich, da steht es doch im Tolkien-Regal. Als ich das Buch dann aufschlug, sah ich, dass sogar kräftig drin angestrichen worden war. Offensichtlich habe ich das Buch gelesen!


    Dass ich mich aber fast nicht erinnern kann, sagt vielleicht schon etwas darüber, was ich davon hielt. Und jetzt, wo ich das Ding nochmals durchblättere, kommen auch langsam ein paar Eindrücke zurück. Allerdings sind das Eindrücke wie "langweilig", "nichts Neues" usw.


    Nun, das Buch ist nicht etwa Unsinn, auch wenn man einige der Interpretationen sicher nicht teilen muss. Aber es ist wenig originell oder innovativ. Wer sich näher mit den Hintergründen von Mittelerde beschäftigen will, sollte seine Zeit, zumindest anfangs, nicht unbedingt mit Bassham and Bronson verbringen.


    Wer (anspruchsvolles) Englisch lesen kann, sollte sich erst einmal die beiden dicken Bücher von Tom Shippey zu Gemüte führen (Road to Middle-earth, Author of the Century), und dann zu Verlyn Fliegers A Question of Time, Patrick Currys Defending Middle-earth und Matthew Dickersons Following Gandalf wechseln. Der Englischkenner ist auch bei den Büchern von Walking Tree Publishers bedeutend besser aufgehoben Walking Tree Org.


    Die beiden Bücher von Shippey gibt es übrigens auch auf Deutsch. Und auf Deutsch ist natürlich auch das Jahrbuch der Deutschen Tolkien Gesellschaft, Hither Shore, sehr empfehlenswert, allerdings nimmt dort der Anteil englischer Artikel immer mehr zu, also vorher ins Inhaltsverzeichnis schauen.


    Das Hauptproblem des Buches von Bassham und Bronson ist, dass die meisten Autoren zu oberflächlich sind. Ein Blick in deren Literaturlisten zeigt dann auch warum: Die rezipieren die Tolkien-Sekundärliteratur nicht, sondern stellen eigene Betrachtungen an, die dann schon aufgrund der Kürze der Artikel oberflächlich bleiben müssen, weil sie die Vorarbeit der Tolkienforschung offensichtlich nicht kennen.


    Wie bei Buffy and Philosophy und Harry Potter and Philosophy aus dem gleichen Hause (Open Court, nicht Klett-Cotta) scheint man sich hier mit Schnellschüssen an Medienerfolge hängen zu wollen, ohne sich dabei allzuviel Mühe zu machen.


    Schade ist nur, dass Klett-Cotta sowas einkauft während viel bessere Bücher unübersetzt bleiben :-(


    Liebe Grüße
    Frank

    Zitat


    Könntest du mir - speziell auf Lukianenko bezogen - vielleicht ein bisschen detaillierter zeigen, was du genau meinst, vielleicht anhand von ein, zwei Beispielen?


    Mir gefällt die differenzierte Betrachtung des sogenannten Guten und Bösen. Knapp gesagt sind die Guten erstens von Zweifeln zerrissen - naja, zumindest der Held, Anton - und zweitens wird gezeigt, wie oft es beim Gutsein vorkommt, dass beim Hobeln Späne fallen. Das Böse ist ein eher an Milton orientiertes Böses, also die Verfolgung möglichst absoluter individueller Freiheit, bei der aber klar wird, dass das im echten Wortsinne a-sozial ist.


    Natürlich ist das jetzt nichts Besonderes im Erkenntnissinne, aber es ist imme rgut, wenn soetwas in einem Publikumserfolg eingängig präsentiert wird, denn Moralität und die damit verbundenen Probleme werden im wahren Leben nicht unbedingt vorgelebt und Ethikseminare gelten als langweilig.


    Und das bekommt Lukianenko plakativ hin ohne platt zu werden. Etwa, wenn es darum geht, wie man sich verändert, wenn man auf die dunkle Seite wechselt:
    "Am schrecklichsten ist allerdings, dass du dich nach außen nicht verändert hast. Oder höchstens zum Vorteil. Dein Freunde werden voller Verwunderung bemerkt haben, was sie jetzt für Spaß mit dir haben, dass ihnen alles gelingt, was sie zusammen mit dir machen. Deine Freundin wird in dir eine Unmenge verborgenen Qualitäten entdeckt haben. Dein Eltern können sich nicht genug über ihren Sohn freuen, der so reif und klug geworden ist. die Dozenten sind begeistert von dem talentierten Studenten. Und niemand weiß, welchen Preis du von deiner Umwelt eintreibst. Womit sie deine Güte, deine Späße und dein Mitleid bezahlen." (Aus Band 1, Wächter der Nacht).


    Wie gesagt, keine Kantschen Erkenntnisse, aber eingängig. Ich schreibe gerade an einem Buch über evolution und Kreationismus und sehe dabei andauernd, dass Unmengen von Leuten - jungen Leuten - anscheinend fest ein naives schwarz-weiß-Bild von Gut und Böse haben. Schön dann, dass sie bei Lukianenko was anderes zu lesen bekommen. Das versucht Rowling zwar auch, aber so ist es imho deutlich besser dargestellt. (Auch wenn Rowling und Lukioanenko wohl ehe rnicht die gleiche Leserschaft haben, OK.)


    Frank

    Polen und Russen besser nicht zusammenschmeißen? Touché, da hast Du recht Buecherwyrm, da habe ich auch zu sehr in der Bahn gedacht, dass die in einem gleichartigen politischen Zwangssystem aufgewachsen sind.


    Die Popcorn-Sozialisation habe ich aber mit provozierender Absicht gewählt :-)


    Danke schonmal bis hierhin - spannende Antworten!


    Frank

    Hi zusammen,


    eine Frage treibt mich zur Zeit um, wo ich gerade Lukianenko (den Wächter-Zyklus) lese: Wie kommt es dass die Fantasy aus dem Osten so gut ist? Und zwar in einer besonderen Hinsicht, wie ich finde. Lukianenko, aber auch andere, bspw. Andrzej Sapkowski (Geralt von Rivia), bieten außerordentlich gute Betrachtungen über Ethik und Moral. Moralische Dilemmata werden sehr gut dargestellt und aufgelöst (oder auch nicht, denn oft gibt es keine Lösungen, ganz wie im richtigen Leben).


    Könnte das etwas mit der Sozialisation im Sozialismus zu tun haben? Sapkowski ist sechzig, hat also vierzig Jahre Diktatur mitgemacht. Und auch Lukianenko hat die ersten 21 Jahre im Kommunismus gelebt. Das war ein bisschen was anderes als die Popcorn-Sozialisation eines George Lucas ... Oder liegt es an der hochmoralischen Erzähltradition der östlichen Autoren (Dostojewski usw.)? Was meint Ihr?


    ciao
    Frank

    ... ist außerdem, dass er eine Reihe wirklich abschließt. Das kann man ja nur noch von wenigen Autoren sagen :-(


    Aber in Silver Wolf, Black Falcon wird die Geschichte Mithgars wirklich zu Ende erzählt. (Was mir dann eigentlich, ehrlich gesagt, auch nicht ganz recht war, weil ich so gern noch mehr gelesen hätte :-) )


    Frank

    Zitat

    Original von Wulfila
    Nur mal kurzer Hinweis am Rande: Da sowohl der "Herr der Ringe" als das "Silmarillion" ja ihrer Quellenfiktion nach von Verfassern der Anti-Ork-Seite stammen,


    Es gibt auch andere Quellen. Bspw. Das Braune Buch, eine Erzählung eines Ork-Schamanen, in der er über die Verfolgung seines Volkes durch die blutrünstigen Elben und Dunedain berichtet ... Darin kommen die Orks eigentlich als Typen wie du und ich rüber.


    Frank

    Wenn man 'böse Charaktere' zu Handlungsprotagonisten macht, dann muss der Zuschauer oder Leser sie zwangsläufig besser kennenlernen, um nachvollziehen zu können, was die Typen antreibt. Und was treibt die an? Böse sein zu wollen?


    Man kann egoistisch sein bis zur völligen Menschenverachtung (also bedenkenlos Töten und Foltern für Geld bspw.). Aber kann so ein Charakter so interessant sein, dass man ein Buch über ihn lesen will? Nee, die meisten Personen werden von anderen Zielen angetrieben.


    Bspw. in Südafrika die gottgebene Ordnung erhalten zu wollen und alle Schwarzen zu unterdrücken, um den Weißen, die es sowieso besser wissen, ein Leben zu ermöglichen, wie Gott es vorsah. Wer das glaubt, der ist in der Lage, Stephen Biko den Penis an den Boden zu nageln und nach der Arbeit die eigenen Kinder zärtlich zu streicheln. Über den kann man auch einen Film drehen und ein Buch schreiben. Ist der Typ böse? Natürlich ist er das! Aber er will (!) nicht böse sein, er nimmt es nur in Kauf (!) böse zu sein, denn das bisschen böse sein beim Foltern, ist durch die guten (!) Ziele gerechtfertigt.


    Sinn des Exkurses: ich glaube, dass kein Mensch böse sein will, dass er oder sie also bewusst Schlechtes tun möchte (jeweils im eigenen Horizont von gut/böse oder gut/schlecht). Man nimmt es nur in Kauf ... Oder man erkennt gar nicht, dass es schlecht ist ("Hey, so´ne 14jährige Schwarze kann doch froh sein, wenn ein gestandener weißer Mann sie rannimmt"). Insofern funktionieren rein böse Helden, die böse sind, um des Böse sein Willens, nicht. Nein, die haben auch Ziele, die innerhalb ihres Werterasters 'gut' sind.


    Jetzt fragt sich nur noch, wie interessant und tolerabel können Überschreitungen der von den Lesern und Zuschauerinnen als 'gut' angesehenen Ziele sein? Vampire? Töten für Macht, langes Leben, Schönheit und Sex? - ist in der Regel kein Problem. Den Buren, der das schwarze Mädchen vergewaltigt, wird man hingegen kaum als Romanheld wiederfinden. King Lear oder Richard III. sind dann nochmal Sonderfälle, denn sie sind eigentlich 'Schule' und 'Arbeit' - es sind Lehrstücke über Welt und Mensch, die nichts mit Unterhaltung zu tun haben. (Ich weiß, reine Unterhaltung gibt es nicht, wir lernen immer; aber das ist doch was anderes als Heitz´ "Zwerge".)


    Rein 'Böse' Helden, will ich damit nur sagen, sind deshalb nicht vorhanden (oder extrem selten) weil es zwar "das Böse" gibt, da bin ich mit Hannah Arndt einig, aber es nur dann zum Heldentum taugt, wenn es erklärt wird, wenn seine Motivationen dargelegt werden. Und dann hängt es von der Überzeugungskraft der Motivation ab. Man kann sich sicherlich in einige Sachen reindenken, die moralisch hoch zweifelhaft sind, und dann auch mit Interesse weiterlesen oder - zuschauen, aber besagter Bure wird wohl nicht dazugehören. Was aber in diesen zugegebenermaßen weiten Grenzen für die allermeisten Menschen so gerade noch akzeptabel ist, das ist dann wieder etwas, was so 'total' Böse auch nicht ist. Mein Gott, was tut denn Lecter in Schweigen der Lämmer? Er hält doch nur die Spannung hoch. Dafür kann man ihm den Mord an dem (oder waren es mehrere, ist lange her) Wächter schonmal vergeben. Der Rest ist doch eh nur Hörensagen. Und der Autor weiß schon genau, warum er Lecter keine Kinder misshandeln ließ.


    Sonderfall Computerspiele:
    Auch da glaube ich, dass nur Spiele erfolgreich sind, die nicht zu drastische Handlungen, wie etwa das Töten von Kindern abverlangen. Das Besondere (und medienpädaggisch bedenkliche) bei denen ist ja, das man nicht nur rezipiert, sondern mittut. Als Beispiele wurden u.a. Hitman und Dungeon Keeper von Euch genannt. Ich habe Hitman nur mal angespielt, aber ist selbst der nicht auf der Suche nach seiner Identität, hat also ein berechtigtes Anliegen? Und in den drei oder vier Leveln, die ich gespielt habe, musste man nur andere Arschlöcher umlegen und es gab immer einen Weg, den Tod 'Unschuldiger' zu vermeiden, der dann sogar mit höheren Punktzahlen belohnt wurde. Und Dungeon Keeper? Also bitte, das war storytechnisch und grafisch so auf lächerlich angelegt, dass man wirklich nicht 'böse' handelte, obwohl man böse Dinge tat, wie Kobolde auszupeitschen und Elfen zu killen. Counterstrike, um auch mal das Spiel zu erwähnen, das an 90% aller Gewaltverbrechen der letzten 131 Jahre ursächlich schuld ist, kenne ich nur aus Erklärungen und über die Schulter schauen bei meinem Neffen. Da wird aber einfach aufeinander geballert, was das Zeug hergibt. Dass die eine Seite dabei Polizei und die andere Terroristen heißt, ist vollkommen nebensächlich und hat mit Gut und Böse nix zu tun.


    Wie ist das eigentlich mit Rollenspiel? Ich habe gut zehn Jahre kräftig RPGs gespielt und nie eine funktionierende Gruppe erlebt, die 'böse' war.


    Frank

    Zitat

    Original von molosovsky
    Da kennste mich dummen Gutmenschen aber schlecht.
    Mit der Auflage, dass es zum Wohl der Stadtteilbücherei verscherbelt wird, werde ich das Buch wieder zurückbringen.


    Wow, ich bin beeindruckt! Frank

    Zitat

    Original von molosovsky
    Also Frank, darf ich mich in mittlerer oder ferner Zukunft über ein interessantes Buch zum Thema von Dir freuen?


    Mal schauen. In ferner Zuknuft vielleicht. Zunächst mache ich was ganz anderes, ein Buch über (gegen) den Kreationismus.


    Aber ich werde wohl in näherer Zulunft was über Wissenschaftsfeindlichkeit bei Tolkien machen. Außerdem muss ich noch einen Artikel über Drachen bei Le Guin schreiben, der das Thema sicherlich berühren wird. Außerdem wird es wohl noch einen Artikel über Fantasy und Bildung geben, der da thematisch sicherlich auch reinspielt.


    Außerdem benötige ich noch Hermines Zeitumkehrer, hat den wer wo rumliegen sehen?


    Frank

    Zitat

    Original von boosterpacks
    Nachklapp: Weiß jemand hier im Forum, ob in den Literaturwissenschaften oder so die Frage der Wissenschaft in der fantastischen Literatur einmal untersucht wurde. Das wäre ein Super Thema für eine Doktorarbeit.


    Weiß ich leider nicht. Aber bei den Recherchen zu meinem Famntasybuch ist mir jedenfalls nix in der Richtung aufgefallen. Heißt also: eine entsprechende Recherche wäre nicht sinnlos. Und eine starke Arbeit wäre es sicherlich.


    Frank

    @booster


    Danke, jetzt verstehe ich, wie Du es meinst. Finde ich ürbigens zutreffend und schön beschrieben, besonders das Kussbeipiel.


    Etwas anders, aber in die gleiche Richtung zielend hat übrigens Rüdiger Safranski in Romantik dazu geschrieben: "Der Mensch mag sich zwar an seiner Vernufnt festklammern, kommt aber nicht umhin zu bemerken, dass der gesamte Lebensprozess irrational ist" (357).


    Dank Dir booster, Frank

    Zitat

    Original von boosterpacks
    Spätestens aber, wenn man begreift, dass es außer einer Erklärungswelt auch noch eine Erlebniswelt gibt - und die ist auch in der Wissenschaft existent - dann löst sich dieser Widerspruch auf.


    Würdest Du das bitte näher ausführen? Ich möchte sicher sein zu verstehen, wie Du das meinst. Danke!


    Frank

    Hallo molo


    Zitat

    Original von molosovsky
    Hmmmm, ich hab meine Gedanken zu Deinem Essay gar nicht so kritisch gemeint.


    Ist auch nicht so angekommen. Ich hätte das mehr erläutern sollen, dass ich molo geschrieben habe, dass ich bewusst vereinfache. Es war keine Verteidigung (oder gar ein Angriff), sondern sollte sagen: Ja, ich mache das jetzt mal bewusst nicht so mit Samthandschuhen, schreibe auch nicht mehr so bedenkenträgerisch wie im Wissenschaftsbetrieb gefordert, sondern haue auch auch einmal ein bisschen auf die K****. Das regt Diskussionen doch auch gut an, solange man niemanden persönlich dabei angreift und verletzt.


    Ich habe mir vorgenommen, obwohl mir seine Phiosophie eigentlich gar nicht so nahe steht, ein bisschen mehr 'Nietzsche zu sein' und auch mal mit dem Hammer zu philosophieren.


    Dabei ist es doch eigentlich auch nur ein Hämmerchen gewesen ... ein ganz kleines ;-)


    Zitat

    Was mich vielleicht unleidlicher klingen läßt als ich druff bin, sind einige grobe historische Argumentations-Linien, die ich für misslich halte, weil sie vielerorts wiederholt m.E. nicht richtiger werden. — Ich meine die Entzauberung der Welt durch die Aufklärung und die Romantik als träumerisch-rebellische Sehnsuchts-Revolten gegen eine Entfremdung durch Funktionaliersung.


    Nicht die Wissenschaft, nicht die Technik usw entzaubern die Welt. Im Gegenteil bin ich der Meinung, dass die Welt durch diese Disziplinen erweitert, vergrößert, noch mehr verzaubert werden.


    Ja! Bingo, bingo! Das sehe ich ganz genau so. Es ist ja nicht meine Meinung, dass die Entzauberung der Welt durch Technik und Aufklärung postuliert wird. Aber es gibt diese Ansicht: erstens heute noch, das weiß ich aus eigener Erfahrung (ich werde nie die Dame mit dem blauen Dreieck auf der Stirn vergessen, die mich auf der RingCon angequatscht hat - "Ich bin ja Mystikerin, genau wie Tolkien es war" - und mir dann genau dieses Zeug vorgekaut hat ...; zweitens auch in der Literatur (John Keats, Lamia: "philosophy will clip an angel´s wing"), auch in der Fantasy, wenn man es auch manchmal zwischen den Zeilen herauslesen muss wie bei David Lindsay in Voyage to Arcturus.


    Ich persönlich bin beidem intellektuell und emotional zugeneigt - einerseits der Rationalität/ Aufklärung/ Technik und andererseits der Irrationalität (solange sie nicht gewalttätig wird)/ dem Romantischen/ dem Absurden/ der Albernheit/ dem Glauben/ der Metaphysik (coole Zusammenstellung das andererseits, nicht?).


    Mein Großprojekt für die nächsten hundertfünfzig Jahre ist der Versuch, Mythos und Logos zu versöhnen ...


    Ich weiß, das haben schon viele versucht, aber wenn ich es schaffe, seid Ihr alle zur Verleihung des Literaturnobelpreises an mich im Dezember 2158 nach Stockholm eingeladen.


    Zitat

    Bitte, Frank, verstehe meine kurzen Einlassungen auf Seite 1 des Threads als meinen Versuch einer wohlgesonnenen Ergänzung Deiner Thesen.


    Das habe ich beim Lesen auch genauso empfunden. Deine Hinweise sind wie immer äußerst willkommen!


    Liebe Grüße,
    Frank

    Zitat

    Original von TeichDragon
    Was die Thema "Gefahren von Wissen und Missbrauch von Wissen" angeht: Da hast Du mir gerade eine Bratpfanne über den Hinterschädel gepfeffert.
    Darüber habe ich noch nie nachgedacht, aber natürlich hast Du recht.
    Wäre fast schon einen eigenen Thread wert, oder willst Du dazu sowieso noch etwas Schreiben (ggf. auf der Phanta-Couch)?


    Oja, es würde mich schon sehr reizen, da was zu machen. Aber in den nächsten Wochen sicherlich nicht, da ich zur Zeit völlig mit Arbeit eingedeckt bin (Ich brauchte für die Hälfte, von Nebelriss, dem wirklich spannenden Band 1 von Markolfs Zeitalter der Wandlungen, eine Woche, normalerweise hätte ich in der Zeit die vier Bände dicke durch).


    Anyway - einen Thread zu Wissen, Gefahren und Missbrauch halte ich auch für sehr ergiebig.


    ciao
    Frank

    ... für den spannenden Thread!


    Er hat mir einiges zum Nachdenken geliefert und manches aufgezeigt, das ich aus diesem oder jenem Blickwinkel noch nicht betrachtet hatte.


    An den Aussagen meines Artikels auf der Couch halte ich aber doch weitestgehend fest, auch wenn man natürlich zahlreiche differenzierende Einwände tätigen kann, so wie Ihr es dankenswerterweise getan habt. Die Romantik ist eine spannende und einschneidende Epoche gewesen, aber sie fiel natürlich nicht vom Himmel, sondern steht in Traditionen; in der Regel in solchen, die auch Auflehnung und Rebellion beinhalten. In den selben Traditionen steht m.E. auch die Fantasy, die als solche Kind der Romantik ist und sicher wiederum andere Kinder gebären wird ...


    @ molo: Ich habe absichtlich "ungemein vereinfacht". Ich wollte pointiert schreiben und mich mal nicht um jedes kleine Bedenken kümmern, wie ich es in einer wissenschaftlichen Arbeit tun muss. So könnte ich auch schreiben und trotzdem zum gleichen Ergebnis kommen, nur schliefe mir unterwegs das Publikum ein, das, wie ich glaube, eher keine 800-Seiten-1600-Fußnoten-Beiträge auf der virtuellen Couch lesen möchte.


    @ viele: das Heranziehen von Le Guins Ged war unüberlegt, da habt Ihr recht und ich würde ihn an dieser Stelle jetzt nicht mehr erwähnen. Das Thema Gefahren von Wissen und Missbrauch von Wissen (auch als Thema der Kritik an Wissenschaft) halte ich aber für eines der wichtigsten Themen in der Fantasyliteratur und lese es oftmals. Ich habe bspw. gerade angefangen, Markolf Hoffmanns Zeitalter der Wandlung zu lesen und, soweit man das nach der (exzellenten) Hälfte des ersten von vier Bänden sagen kann, scheint mir das sein Haupttopos zu sein.


    Liebe Grüße,
    Frank