Beiträge von Marengo

    Mir ging es so, dass ich den zweiten Band sogar etwas besser fand, aber das mag daran liegen, dass bei mir zwischen dem Lesen des ersten und des zweiten Bandes etwas Zeit verstrichen ist. Den dritten kenne ich noch nicht.

    Damit da jetzt keine Missverstände aufkommen: Ich bin weder des Hebräischen noch des Arabischen mächtig. :D


    Arabisch kann ich auch nicht, von Hallo, wie geht's und danke abgesehen. Aber Herbert verwendet neben religiösen Begriffen u.a. eine Reihe von Landschaftsbezeichnungen, wenn ich mich recht erinnere, und ich habe mich bis 2007 etwa ziemlich regelmäßig in arabischen Ländern aufgehalten, wo man zumindest einem Teil von Herberts Vokabular im Alltag schnell begegnen kann, auch wenn man die Sprache an sich nicht beherrscht.

    O ja, die Dune-Terminologie. War beim ersten Lesen eine konstante Quelle der Irritation für mich, weil Herbert einige seiner dem Arabischen und Hebräischen entnommenen Bezeichnungen in ihrer tatsächlichen Bedeutung verwendet und für andere eigene Bedeutungen erfindet. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, ob ein System dahinter steckt. :gaga:


    Tolles Buch, nach wie vor. (Ist bei SF-Klassikern ja nicht unbedingt selbstverständlich, vom Zahn der Zeit verschont zu bleiben.)

    Fußt diese Aussage auf der Kenntnis des Werks oder hast du das anhand des Verlags geschlossen, in dem die Trilogie erschienen ist? Die Beschreibungen der drei Bücher enthalten nämlich nichts, was einen dazu bringen könnte, die Rinland-Trilogie der "Christian Fantasy" zuzuordnen.


    Gelesen habe ich die Trilogie nicht. So weit ich weiß, beruht die Geschichte aber darauf, dass Rin (= Gott) die Menschen aus Rinland (= dem Paradies) vertrieben hat, und verwendet als zentrales Motiv die Sehnsucht nach der Rückkehr ins Paradies. Auf der Verlagsseite heißt es explizit, es ginge in der Trilogie um „Sehnsucht nach Heilung und Geborgenheit in Gott“, und ein Blurb attestiert ihr„Phantasie und die Bibel“ in Einklag gebracht zu haben. Aufgrund dessen und der Ausrichtung des Verlags nehme ich stark an, dass in den Büchern eine Glaubensperspektive vermittelt werden soll (und nicht etwa nur biblische Motive zu literarischen Zwecken verwendet werden). :nixweiss:



    Zwischen "auf einem Weltbild beruhen" und "unter Berufung auf dieses Weltbild vermarktet werden" besteht aber noch ein gewisser Unterschied, und für christliche Autoren hast du sie selbst weiter oben in deinem Beitrag vorgenommen.


    :yes: Letztlich würde ich annehmen, dass der springende Punkt der ist, ob im Werk ein missionarischer Anspruch deutlich wird oder nicht.

    In Ergänzung zu Pogos Posts:


    Der Begriff Christian Fantasy wird in der Sekundärliteratur manchmal gebraucht, um Autoren wie George MacDonald, G.K. Chesterton, Charles Williams, Lewis oder Tolkien zu bezeichnen, also Autoren, deren christliche Anschauungen in mehr oder weniger ausgeprägter Form in ihr Werk einfließen (ohne dass man dieses auf seinen religiösen Gehalt reduzieren müsste). Christian Fantasy als Label bedeutet dagegen eher Fantasy, die speziell für einen christlichen Markt geschrieben wurde – was in diesem Fall meist bedeutet: für einen konservativ-evangelikalen Markt. Sprich, das Zeug wird in erster Linie für Evangelikale verfasst, die gerne Fantasy lesen möchten, dabei aber nicht in ihren moralischen und religiösen Überzeugungen angekratzt werden wollen. Konkret bedeutet das, dass die Bücher keine Schimpfwörter enthalten, keine expliziten Sexszenen und vor allem gebrauchen die good guys keine Magie, die an okkulte oder satanistische Praktiken erinnern könnte. In ähnlicher Form gibt es ja z.B. auch christlichen Reggae (ohne Forderungen nach Legalisierung von Marihuana) und christlichen Metal (ohne Pentagramm auf dem Cover). :-D


    In der Regel spielt Christian Fantasy (wie Pogo schon sagte) nicht vor einem historischen Hintergrund, der mit der Geschichte des Christentums zu tun hat, sondern in Sekundärwelten, in denen es Entsprechungen zu Christus, dem Satan etc. gibt. Als Vorbild sind also am ehesten die Chronicles of Narnia zu sehen. So etwas gibt es übrigens auch auf deutsch: Die Trilogie Sehnsucht nach Rinland von Lena Klassen.


    Das Problem ist natürlich, genau wie im Musikbereich, dass die einschlägigen Veröffentlichungen ohne ihre Verankerung im evangelikalen Milieu in der Regel gar nicht existieren würden (um mal ein vorsichtiges Qualitätsurteil abzugeben). In den Amazon-Rezensionen zu Cast of Stones finden sich nicht umsonst häufig Formulierungen wie »good fantasy is hard to come by«, wobei »good fantasy« in diesem Fall heißt: Fantasy, die mit meinen evangelikalen Überzeugungen übereinstimmt. Auf der anderen Seite sind Fantasies, die auf dem mormonischen Weltbild beruhen, ja mehr oder weniger akzeptiert, erscheinen nicht in Nischenverlagen und werden vom allgemeinen Fantasypublikum gelesen. Wäre in meinen Augen mal eine Erörterung wert, woher diese unterschiedliche Rezeption von mormonischen und evangelikalen Werken kommt.

    Das mag durchaus sein und gilt bei anderen Nacherzählungen und Bearbeitungen wohl noch stärker als bei den Romanen der Neuzeit, die du anführst; wahrscheinlich haben z.B. viele Menschen die Sagen des klassischen Altertums gelesen, aber nur vergleichsweise wenige umfassende eigene Quellenstudien zum Thema betrieben. Allerdings bleibe ich bei meiner Annahme, dass die Intention hinter der Erstellung solcher Bearbeitungen nicht die ist, das Original obsolet zu machen, sondern bestimmte Leserkreise erst einmal an die Inhalte heranzuführen.


    Bei solchen Büchern wie den Sagen des klassischen Altertums würde ich auf jeden Fall zustimmen. Die sollten dazu dienen, zur Lektüre der altgriechischen und lateinischen Klassiker anzuregen. Aber auch das halte ich eher für einen Sonderfall: Kenntnisse der griechischen und römischen Mythologie gehörten zum bürgerlichen Bildungskanon, darin mit biblischen Texten vergleichbar, deren Kenntnis zur religiösen Bildung gehörte. Insofern hatte der Schwab früher zumindest eine ähnliche Funktion wie Kinderbibeln. Das hat sich dann halt im Laufe der Zeit geändert: Auch in bildungsbürgerlichen Familien wird heute nicht mehr unbedingt erwartet, dass Kinder mit Latein und Altgriechisch (bzw. den entsprechenden Werken) vertraut gemacht werden, während es andererseits nach wie vor Konfirmations- und schulischen Religionsunterricht gibt. Heute wird es daher vielleicht schon der Normalfall sein, dass viele Menschen Schwab zur Unterhaltung lesen, ohne danach zu den antiken Klassikern zu greifen. Die ursprüngliche Intention von Schwabs Kompendium war aber ganz klar die der Vorbereitung auf die Originallektüre.


    Was die neuzeitlichen Romane und ihre Bearbeitungen angeht, sehe ich da eher das am Werk, was William Goldman in The Princess Bride karikiert: Die von (Abenteuer-)Romanen des 18. und 19. Jahrhunderts gebrauchten literarischen Konventionen wie ausufernde Beschreibungen, explizite moralische oder religiöse Botschaften, gelehrte Einschübe etc. werden für überholt bzw. ungeeignet für das heutige Publikum gehalten. Wenn dann für heutige populäre Ausgaben gekürzt und vereinfacht wird, steht dahinter m.E. schon die Absicht, das Werk zu verbessern – ›verbessern‹ hier im Sinne von modernisieren, an Erwartungen des gegenwärtigen Publikums anpassen. Ich vermute, eine solche Absicht gab es auch bei den früheren deutschen Ausgaben von The Last of the Mohicans, dessen Erzählweise ja schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts als zu weitschweifig und altmodisch empfunden wurde. (Es kann natürlich auch sein, dass es sich in Coopers Fall tatsächlich nur um das Phänomen einer missglückten Übersetzungsgeschichte handelt, aber mein aus den Rezensionen zur letztjährigen Neuausgabe gewonnener Eindruck ist eher der, dass frühere Übersetzungen Modernisierungsversuche darstellten. Aus eigenem Wissen kann ich es leider nicht sagen.)


    Im Extremfall kann es so weit kommen, dass das Original nicht nur ›verbessert‹ werden soll, sondern die Überarbeitung das Original ersetzen will. Der Karl-May-Verlag z.B. bezeichnete seine stark überarbeiteten Ausgaben, die Gesammelten Werke, als Originalausgaben und versuchte jahrelang, die Veröffentlichung einer historisch-kritischen Edition juristisch zu unterbinden. Die Überarbeitungen gingen in diesem Fall so weit, dass einzelne Handlungsstränge und Episoden aus einem Zyklus ausgegliedert, umgeschrieben und in einen anderen Zyklus eingegliedert wurden. Das halte ich in diesem Ausmaß allerdings für eine Ausnahme, die weltweit vielleicht sogar einzigartig ist.


    Aber auch das folgt für mich noch einem etwas anderen Mechanismus als das von gekko beschriebene Vorgehen, den Originaltext zu nehmen und umzumodeln, um daraus irgendwie ein besseres Buch zu machen.


    Den grundsätzlichen Unterschied würde ich eher darin sehen, ob eine Veröffentlichungsabsicht besteht oder nicht. :nixweiss:

    In der Regel ist die Intention hinter solchen kindgerechten Fassungen aber ja nicht, komplett an die Stelle des Originals zu treten, sondern Kinder mit den Inhalten bis zu einem gewissen Grade vertraut zu machen und sie dann später zu motivieren, zum Ausgangswerk zu greifen. Das beste Beispiel dürften Kinderbibeln sein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass kein Mensch, der eine Kinderbibel erstellt und verbreitet, die eigentliche Bibel komplett dadurch zu ersetzen gedenkt.


    Ich weiß nicht, ob Kinderbibeln hier das beste Beispiel sind, oder nicht eher die Ausnahme. Kinderbibeln verfolgen ganz klar den Zweck, an vollständige Bibelausgaben heranzuführen. Die Lektüre findet dementsprechend in zu diesem Zweck eingerichteten Kontexten wie dem Religionsunterricht statt. Aber Klassiker, die in gekürzten Ausgaben erscheinen oder sogar so frei bearbeitet sind, dass sie eher Nacherzählungen darstellen? Ich vermute, dass viele Leser im Kindesalter Defoe, Cooper, Dumas oder Melville in solchen Ausgaben kennenlernen, ohne später, im Erwachsenenalter, zum Original (oder einer dem Original einigermaßen adäquaten Übersetzung) zu greifen. In der Wahrnehmung dieser Leser hat die bearbeitete Fassung das Original de facto ersetzt. Natürlich kann die Intention der Herausgeber immer noch die einer Heranführung an das Original sein, aber die Rezeption verläuft in der Regel anders, vermute ich. Letztlich ist es hierzulande ja auch so, dass vollständige Bibelausgaben sehr viel verbreiteter sind als Kinderbibeln, während es bei Romanklassikern oft umgekehrt ist: Für Kinder bearbeitete Ausgaben sind überall erhältlich, aber ungekürzte Ausgaben werden mitunter jahrzehntelang nicht aufgelegt. Im Fall des Letzten Mohikaners heißt es ja sogar, dass die 2013 bei Hanser erschienene Ausgabe die erste wirklich vollständige deutsche Übersetzung darstellt.

    An die Fässer in The Desolation of Smaug habe ich in der Tat nicht gedacht. Liegt vielleicht daran, dass ich den Film noch gar nicht gesehen habe. :gruebel:


    Dass bzw. inwieweit Gekko sich Gedanken über Rechtssicherheit und geistiges Eigentum gemacht hat, geht aus keinem seiner Postings hervor. Ich kann nur lesen, was dasteht, und da steht nichts, aber auch gar nichts, das darauf hinweist, dass er sich der Problematik bewusst ist.


    Nun ja, mein Problem ist auch weniger das, dass man natürlich nur davon ausgehen kann, was dasteht, sondern eher, wenn damit argumentiert wird, dass nichts dasteht, weshalb das (aus der eigenen Sicht) Schlimmste vermutet werden darf. Ähnlich wie Wulgaru finde ich es schwierig, gleich vom Dammbruch auszugehen. :nixweiss:


    Hätte ich das ganze in der direkten Ansprache "du ..." geschrieben, hätte das ganz anders geklungen - aber sicher nicht besser, sondern vielmehr belehrend.


    Ehrlich gesagt finde ich, es wird nicht dadurch, dass eine andere Person gewählt wird, weniger belehrend. :nixweiss:

    gero :


    Wenn ich es recht verstanden habe, war der Argumentationsgang deiner letzten Posts: Es gibt einschlägige Forderungen von Piraten, das Urheberrecht auszuhebeln oder abzuschaffen, und es gibt aufgrund der zunehmenden Verbreitung von E-Books ohnehin Probleme mit dem Schutz geistigen Eigentums. Deshalb ist es dreist zu nennen, wenn hier im Forum jemand die Möglichkeit erwähnt (und bejaht), an E-Books Veränderungen vorzunehmen.


    Es ist für mich nicht nachvollziehbar, warum du diesen Kausalzusammenhang konstruiert hast. Deshalb habe ich so betont, dass niemand hier sich für die Piraten stark gemacht oder zu Urheberrechtsverletzungen aufgerufen hat. Natürlich wirft die technische Möglichkeit, E-Books zu verändern, entsprechende Fragen auf. Aber ich wage mal zu behaupten: Wenn man von vornherein davon ausgeht, dass jemand, der an E-Books herumbastelt, sich ja gar keine Gedanken über Rechtssicherheit und geistiges Eigentum gemacht haben kann, dann hat man die Diskussion im Klo versenkt, schon bevor sie begonnen hat. :nixweiss:


    Hast du es wirklich nötig, dein tone argument mit dieser rhetorischen Volte aufzumachen (denn aufgemacht hast du es natürlich entgegen deiner Aussage in dem Augenblick, in dem du es erwähnst - da brauchen wir doch jetzt wirklich nicht drüber zu diskutieren)? Lustig ist, dass ich tone argument erstmal googeln musste, um rauszukriegen, was das sein soll; weniger lustig ist, dass ich - was das angeht - in diesem Kontext hier nur Bahnhof verstehe. Was meinst du damit?


    Unter einem tone argument verstehe ich den Versuch, ohne auf den Inhalt einzugehen eine Diskussion durch den Verweis abzuwürgen, dass das Gespräch im falschen Ton geführt werde (klassische Formulierung: „Wir können ja gerne darüber reden, aber nicht so!“). Mir ging's vor allem um den Inhalt der Diskussion, was ich durch Distanzierung vom tone argument noch mal unterstreichen wollte.* Das war anscheinend missverständlich, sorry. Allerdings muss ich auch sagen: Nur weil ich das tone argument erwähne, habe ich es noch lange nicht selber gebraucht. ;)


    Ich kann nur noch mal unterstreichen, dass ich nichts gegen hitzige Diskussionen habe, nichts gegen Dissens und nichts gegen Kritik. Eingemischt habe ich mich deshalb, weil ich einiges in der Diskussion argumentativ und vom Kommunikationsverhalten her nicht nachvollziehen kann (und nach wie vor nicht nachvollziehbar finde). Und mich darüber geärgert habe.


    Zwei Verständnisdinge: Mein Kopfschütteln darüber, dass über Anwesende Mutmaßungen in der 3. Person angestellt werden, bezog sich auf diesen Post von Timpi. Und was ich wiederum nicht verstehe, ist dein Verweis auf Spuren, die Peter Jacksons Hobbit hinterlassen haben könnte. Ich habe überhaupt keine Vorstellung, was du damit meinst und was es mit diesem Thread zu tun haben soll. :nixweiss:


    * Deshalb will ich mich auch nicht dazu äußern, ob sich jetzt der eine „locker-flockig“ und der andere „moderat“ geäußert hat oder nicht. Das halte ich offen gesagt für ziemlich sinnlos.

    Also was ihr hier für ein Fass aufmacht finde ich persönlich einfach albern.


    Hm. Geht mir ähnlich, muss ich sagen. Meiner Wahrnehmung nach hat hier im Thread niemand Wahlkampfreden für die Piraten gehalten und niemand zu Urheberrechtsverletzungen aufgerufen. Insofern sehe ich auch keinen gerechtfertigten Grund dafür, das hier als Vorwurf zu formulieren und Leuten vielleicht nicht „Überheblichkeit“, aber dafür „Frechheit, Anmaßung, Dreistigkeit, Unverschämtheit“ zu attestieren. Unangebracht finde ich es übrigens auch, über User, die an der Diskussion beteiligt sind, in der 3. Person Mutmaßungen anzustellen.* Ich kann nachvollziehen, dass es zu Fragen wie Urheberrecht und geistigem Eigentum starke Meinungen und Perspektiven existentieller Betroffenheit gibt. Ich kann auch gut verstehen, dass bei bestimmten Themen die Gemüter hochkochen (meins kocht ziemlich regelmäßig hoch, bei allen möglichen Dingen), und will bestimmt kein tone argument aufmachen. Aber gerade sehe ich echt nicht, worauf der Vorwurf sich bezieht, bzw. was ihn rechtfertigen würde. :nixweiss:


    * Habe ich so gelesen. Die Formulierung kann sich auch auf eine hypothetische 3. Person beziehen. Grenzwertig fänd ich's im Zusammenhang trotzdem.

    Wenn ich die ganze Diskussion aber allgemein auf deutsche Belletristik übertrage, könnte man böse gesagt anführen, dass diese auch insgesamt international mehr oder weniger bedeutungslos ist. Damit treffe ich keine Aussage über ihre Qualität sondern über den kommerziellen und inhaltlichen Einfluss. Es gibt keine deutschen Autoren vom Format Pynchon, Foster Wallace, Frantzen oder im reinen Bestseller-Berreich Follet oder Brown. Natürlich gibt es genug Beispiele für deutsche Literatur exzellenter Qualität, aber sie wird genauso selten wahr genommen wie die noch kleinere deutsche Fantasy. Sogar in unserem Land sind die meisten Titel die Bestseller-Listen dominieren eher international.


    Das gilt aber mehr oder weniger für alle Literatursprachen mit Ausnahme von Englisch, Spanisch, Französisch und (mit Abstrichen) Russisch, würde ich sagen.

    Natürlich ist es letztlich unwichtig, wie gut oder schlecht ich XY oder XZ finde, aber ich vermute, dass wir alle unsere Vorlieben und Abneigungen haben, von daher dürfte ein Konsens zumindest schwierig werden.


    Ich glaube, der Versuch einer Konsensfindung wäre das uninteressanteste an der Frage, welche deutschen Autoren hier im Forum geschätzt werden. Natürlich haben alle ihre Vorlieben und Abneigungen, aber die fließen ja in sämtliche Diskussionen mit ein. :nixweiss:


    [W]er von uns könnte sich schon anmaßen, über das, was auf dem englischsprachigen Markt erscheint oder erschienen ist, wirklich Bescheid zu wissen? Vor allem, wenn wir uns klarmachen, dass (1) längst nicht alles übersetzt wird, was da erscheint, und (2) dass Phantastisches, das nicht so richtig nach Genre aussieht, zwar möglicherweise übersetzt wird, aber im normalen Programm "versteckt" wird (Stichwort Steven Millhauser, z.B.).


    Klar. Es war ja auch eine rhetorische Frage von mir, warum es keinen englischsprachigen Moers gibt – ebenso wie die Frage nach dem deutschen Martin oder Erikson im Grunde rhetorisch ist.


    Okay, Kehlmanns Essays werde ich mir gelegentlich mal anschauen. Bei Katharina Hartwell, Annika Scheffel und Thomas von Steinaecker bin ich allerdings ein bisschen ratlos. Magst du da etwas deutlicher ausführen, inwieweit sie sich als Fantasy-inspiriert zeigen? (Ich habe mir die Sachen bei Amazon angeschaut und ein paar Rezis gelesen, so richtig schlau bin ich daraus allerdings nicht geworden.)


    Die Amazon-Rezis habe ich mir jetzt nicht angesehen, aber ich bin folgendermaßen auf diese Namen gekommen: Katharina Hartwell antwortete in einem Interview zu ihrem Roman Das fremde Meer auf die Frage, ob sie eine Vorliebe für magische Motive und Figuren habe, mit der Auskunft „Genreliteratur ist in Deutschland immer so ein bisschen verpönt, aber ich mag es sehr gerne und habe immer viel Science Fiction und Fantasy gelesen.“ Thomas von Steinaeckers Schutzgebiet ist ein Pastiche des deutschen Kolonialromans, wobei der Autor verschiedene an Jules Verne angelehnte Elemente in die Handlung einbaut, in einer Past-Fiction-Manier, die mich an Steampunk erinnert hat, obwohl Steinaeckers bewusstes Vorbild eher Thomas Pynchon gewesen sein dürfte. Steinaecker ist zudem ein Autor ohne Genre-Berührungsängste, den die Frage umtreibt, ob die Stilmittel des herkömmlichen Realismus überhaupt noch geeignet sind, um die gesellschaftliche Wirklichkeit literarisch zu verarbeiten.


    An Scheffel habe ich wegen eines lustigen Radio-Interviews gedacht, in dem eine Literaturkritikerin zu Bevor alles verschwindet befragt wurde. Die Kritikerin, deren Namen ich vergessen habe, zeigte sich etwas irritiert über die fantastischen Szenen in dem Roman, und erklärte sich deren Auftreten schließlich damit, dass die Autorin ja noch sehr jung sei (so um die dreißig), wahrscheinlich mit „dieser Fantasy“ aufgewachsen sei und möglicherweise Schwierigkeiten habe, Einbildung und Realität auseinanderzuhalten. Die Moderatorin zeigte sich daraufhin erschrocken, versuche zu retten, was zu retten ist und fragte mit einem leicht verwirrten Unterton in der Stimme, ob man Scheffels Werk nicht lieber respektabel als magischen Realismus bezeichnen solle, aber die Kritikerin war verstimmt über das, was Scheffel ihr zumutete, und wollte nicht darauf eingehen.


    Was wie Satire klingt, zeigt in meinen Augen, dass der Literaturbetrieb ziemlich perplex und ahnungslos darauf reagiert, dass es mittlerweile anscheinend ein paar Autorinnen und Autoren gibt, die ihre Genre-Lesebiographie in ihr Werk einfließen lassen. Ich finde diese Entwicklung (sofern man schon von einer solchen reden kann) ziemlich interessant, obwohl ich Hartwell und Scheffel noch nicht gelesen habe. Ich will damit allerdings auch kein Qualitätsurteil abgeben, also nicht sagen, dass im Mainstream angekommene Fantasy zwangsläufig besser ist als Genre-Fantasy.



    Hihi, Letzteres ist mir (nicht bei CvA, dessen "Schattenschnitzer" ich nicht kenne, sondern bei jemand anders) auch schon passiert. Shit happens ... :nixweiss:


    Vielleicht noch mal zur Verdeutlichung: Ich habe diese Namen nicht aufgezählt, weil ich nach dem Schattenschnitzer erwarte, von ihnen enttäuscht zu werden, sondern eher, weil ich relativ viel von ihnen erwarte.



    Da werden wir wohl nicht Auge zu Auage sehen...ich hätte gerne "einen deutschen Martin" oder noch lieber einen deutschen Erikson oder Bakker. Und damit meine ich selbstverständlich nicht eine deutsche Kopie von Martin/Bakker/Erikson (selbst wenn ich auch das interessant finden würde) sondern ich meine das im metaphorischen Sinn...also jemand der aus der deutschen Fantasy schöpft, sich aber mal von den schon ausgetretenen Pfaden weg begibt und was Neues draus macht...und vor allem (s.o.) eine komplexere Welt und Story aufbaut als die ewig gleichen Grundstrukturen nach zu kopieren (zb mal etwas weg von coming of Age Geschichten oder Questen Abenteuern, mal eine andere Bedrohung als der schon von Grund auf böse Dark Lord Verschnitt usw usf).


    Kein Einspruch. Ich habe die Frage nach dem deutschen Bakker/Erikson/Martin wörtlicher genommen, als sie gemeint war, weil sie m.E. schon einige Implikationen beinhaltet, nach denen „vergleichbar“ und „vergleichbar gut“ dann halt doch wieder nicht so leicht zu trennen sind (wie Wulfila es ausgeführt hat).

    Bleibt halt auch die Frage, was "im internationalen Vergleich sehen lassen können" heißt. Iola hatte was von den "top tiers" gesagt, und da würde ich ihm zustimmen. Da geht es auch nicht um Vergleichbares (Ausschauhalten nach deutschen Was-auch-immers finde auch ich in und jenseits der Literatur irgendwie nicht so sinnvoll), sondern um vergleichbar Gutes. Oder heißt das: auch so gut wie der durchschnittliche internationale Autor?


    In meinem Post oben meinte ich mit „im internationalen Vergleich sehen lassen können“, dass es m.E. deutsche Autoren gibt, deren Werk sich nicht mit einem „für deutsche Fantasy ganz gut (aber kein Vergleich mit der englischsprachigen Fantasy)“ abtun lässt. Eher „vielleicht nicht hervorragend, aber deutlich besser als der (auch internationale) Durchschnitt“. Wenn es dadurch verständlicher wird ... :S


    Klar, das Problem liegt darin, was miteinander verglichen wird: Vergleicht man die Größen „anglophone Fantasy“ und „deutschsprachige Fantasy“ miteinander, wird man sicherlich zu dem Ergebnis kommen, dass erstere sehr viel mehr herausragende Veröffentlichungen zu bieten hat. Vergleicht man ein Individuum X in seiner Eigenschaft als „deutschsprachiger Fantasyautor“ mit den anglophonen Autoren, die gemeinhin als die besten gelten, wird X wahrscheinlich auch nicht so gut abschneiden. Aber heißt das denn, dass man jeden deutschsprachigen Autor, der über den hiesigen Durchschnitt herausragt, gleich an Martin oder Erikson messen muss? Denn auf der anderen Seite gibt es hunderte von US- und UK-Autoren, die man für sich vielleicht als „gut“, „lesenswert“ oder „unterhaltsam und spannend“ bezeichnen würde, ohne ständig hinzuzusetzen „aber ein Erikson ist das nicht“.


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    Für mich persönlich kann ich sagen, dass bei den deutschen Autoren ein paar dabei sind, die ich gerne lese und von denen ich auch was Neues lesen werde/würde. Zu bereits genannten Namen (die ich subjektiv auch ein bisschen anders bewertet hätte) würde ich noch Heide Solveig Göttner zählen, so auf die Schnelle überlegt.


    Ach ja, die Trilogie wollte ich mir auch schon länger mal ansehen (und habe es vor allem deshalb noch nicht gemacht, weil die Stadtbibliothek die Bände schlauerweise auf verschiedene Standorte verteilt hat).


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    Ein Lieblingsautor oder eine Lieblingsautorin war für mich bisher nicht dabei, und auch kein Buch in der Top 25. Top 50 müsste ich mal überlegen, so genau habe ich mir das nicht zurechtgelegt ...


    Moers ist schon einer meiner Lieblingsautoren, glaube ich. Fällt mir immer schwer, so was zu sagen, und wenn ich versuchen würde, eine Top-25-Liste aufzustellen, würde ich die wahrscheinlich alle zwei Tage komplett umschmeißen. :nixweiss:


    Zitat

    Gibt's vielleicht bei meinem Lieblingsthemen, -subgenres usw. nicht das ganz gute Zeug? :nixweiss:


    Na ja, die originalsprachliche Genre-Fantasy, die in den großen Verlagen erscheint, beschränkt sich ja weitgehend auf High Fantasy und Jugendbücher, plus ein wenig humoristische und Urban Fantasy. Daneben noch die „historische Phantastik“ à la Charlotte Freise oder Kai Meyer, die nicht unbedingt im Fantasy-Programm steht. Auf der Suche nach Lieblingssubgenres ist man auf jeden Fall mit einer übersichtlichen Situation konfrontiert ...

    Warum nicht ein paar deutsch(sprachig)e Autorinnen und Autoren aufzählen?


    Den Verweis auf Moers finde ich nach wie vor richtig – nicht deshalb, weil man mit dem Hinweis „Aber wir haben doch Moers!“ Kritik an der Qualität der deutschen Fantasy abschwächen kann, sondern weil man damit die Perspektive etwas verschieben kann: Auf die Frage, warum es keinen deutschen Erikson oder Martin gibt, lässt sich nämlich gut mit der Gegenfrage antworten, warum es keinen englischsprachigen Moers gibt. Ich weiß, es ist nicht so gemeint, aber trotzdem finde ich, es braucht keinen deutschen Martin, weil es den US-Martin bereits gibt. Wenn es ein Argument für Übersetzungen ist, dass sie Vielfalt bringen, dann kann es (wenn man es wörtlich nimmt) kein Argument gegen die deutsche Fantasy sein, dass sie keinen Martin hervorgebracht hat. Eine berechtigte Frage wäre in meinen Augen eher, warum die deutsche Fantasy nicht mehr Autoren hervorgebracht hat, die unverwechselbar gut sind.


    [D]ie phantastischen Genres befinden sich in einer Situation, in der vor etlichen Jahren z.B. auch die Krimis waren. Die sind dann allmählich - dank Autorinnen und Autoren wie Patricia Highsmith oder dem ob seiner Qualitäten neu "entdeckten" Georges Simenon - aus den Niederungen der Trivialliteratur nach oben gestiegen und bilden heute in absoluter Selbstverständlichkeit einen großen Teil der Verlagsprogramme. Fantasy, SF und Phantastik sitzen größtenteils noch immer in ihrer Nische, die generell durch den unsäglichen All-Age-Boom, speziell in Deutschland durch den nicht minder unsäglichen Tolkienvölkerromane-Boom zwar breiter, aber auch flacher geworden ist.


    Ich vermute ja, dass der Nischenstatus bei SF und Fantasy unterschiedliche Ursachen hat. Mittlerweile glaube ich im Falle der SF, dass sie bis zu einem gewissen Grad darauf angewiesen ist, Genre und damit in der Nische zu bleiben. Es gibt zwar eine Anzahl von Mainstream-Autoren, die SF-Elemente aufgreifen (von Philip Roth bis David Mitchell), aber auffällig viele SF-Fans beharren darauf, dass Genre-Autoren das, was Roth und Mitchell versuchen, besser können. Der Mainstream scheint sich für SF zu interessieren, aber auf der anderen Seite wehrt die SF sich mitunter dagegen, im Mainstream anzukommen. Jakob Schmidt hat mal geschrieben, dass das Verhältnis Mainstream–SF darin bestehe, sich „bei den The­men der Sci­ence Fic­tion zu be­die­nen, sich von ihr gleich­zei­tig als Hoch­li­te­ra­tur ab­zu­gren­zen und dabei auf­grund rei­ner Un­kennt­nis im End­ef­fekt weit hin­ter die durch gute SF ge­setz­te Stan­dards zu­rück­zu­fal­len“. Das bringt es gut auf den Punkt, finde ich: Wenn die SF ihre eigenen Maßstäbe (= Standards) setzt, die sich von den Maßstäben sonstiger Literaturformen unterscheiden, dann kann die SF nicht (oder zumindest nicht vollständig) im Feld der allgemeinen Literatur aufgehen. Was für unterschiedliche Maßstäbe das sind, ist ja bekannt: SF wird bis zu einem gewissen Grad immer „Ideenliteratur“ bleiben, während der Mainstream sich nicht für Ideen an sich interessiert, sondern höchstens für ihre literarische Umsetzbarkeit.*


    Bei der Fantasy ist es anders, glaube ich. Es spricht in meinen Augen nichts dagegen, dass die Fantasy den Weg des Krimis geht und einfach zu einer im Mainstream akzeptierten Literaturform unter anderen wird. Es mag aus SF-Sicht legitim sein, einem Mainstream-Autor vorzuhalten, er solle sich erst mal mit Genregeschichte beschäftigen, bevor er SF-Elemente verwende. Ein Fantasy-Leser, der Walter Moers vorwirft, er habe keine Ahnung vom Genre, wäre im Vergleich eine ziemlich komische Erscheinung (auch wenn er rein faktisch gesehen wahrscheinlich recht hätte). Fantasy hat m.E. keine eigenen Maßstäbe, die sie gegenüber allgemeinen literarischen Maßstäben abgrenzen und verteidigen müsste.


    Das Problem in Deutschland ist natürlich die weiterhin strikte Grenzziehung zwischen Trivial- und Hochliteratur, Genre und Mainstream. Fantasy-Leser können auf Moers als Beispiel für gute Fantasy verweisen, so viel sie wollen, dem Feuilleton wird in der Regel nicht mal auffallen, dass Moers' Romane sich überhaupt als Fantasy rubrizieren lassen (ähnlich ist es wahrscheinlich bei einer ganzen Reihe weiterer Autoren wie dem bereits erwähnten Georg Klein). Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Autorinnen und Autoren, die nicht aus dem Genre kommen, aber sich in relativ unbekümmerter Weise als Fantasy-inspiriert zeigen: Katharina Hartwell mit Das fremde Meer; Annika Scheffel mit Bevor alles verschwindet; Thomas von Steinaecker mit seinem Steampunk-beeinflussten Roman Schutzgebiet; Daniel Kehlmann, der in Wo ist Carlos Montúfar? über Tolkien schreibt ...


    Auf der Genreseite scheint es natürlich fatal zu sein, dass deutsche Verlage meinen, auf das Ende der Völkerroman-Welle mit dem Beginn der Völkermashup-Welle reagieren zu müssen. Wie ich auch ganz allgemein sagen muss, dass viele Genre-Autoren, die kommerziell sehr erfolgreich sind, bei mir den unwiderstehlichen Drang auslösen, ihre Bücher nach den ersten paar Seiten in die Ecke zu schmeißen und nicht wieder anzufassen (z.B. Heitz, Marzi und Schwartz). Aber ich finde, es gibt schon einige Genre-Autoren, die sich auch im internationalen Vergleich sehen lassen könnten. Für mich sind das vor allem Karla Schmidt (alias Charlotte Freise), Tobias O. Meißner und Thomas Plischke (alias Jonas Wolf); im Jugendbuchbereich etwa Susanne Gerdom mit Das gefrorene Lachen und Oliver Dierssen mit Fausto.


    (Hinzufügen muss ich, dass meine Kenntnis der deutschsprachigen Fantasy sehr selektiv ist. Es gibt eine ganze Reihe von Autorinnen und Autoren, die meiner Wahrnehmung nach regelmäßig gelobt werden, deren Werk ich aber gar nicht oder nur in sehr kleinen Ausschnitten kenne. Dazu gehören etwa E.L. Greiff, Gesa Helm, Markolf Hoffmann, Ju Honisch, Jasper Nicolaisen, Oliver Plaschka, Victoria Schlederer und James A. Sullivan. Mitunter passiert es mir allerdings auch, dass mir ein Autor, den ich zuvor in genau diese Reihe eingeordnet hätte, beim Anlesen so gar nicht zusagt. Zuletzt ist mit das mit Christian von Aster und Der letzte Schattenschnitzer passiert.)


    Das alles ist nicht als gegen Übersetzungen gerichtete Position zu verstehen. Letztlich gibt es nur drei Sprachen, in denen ich Bücher lesen kann, ohne jedes zweite Wort nachschlagen zu müssen. Für alles andere bin ich auf Übersetzungen angewiesen, deshalb will ich so viele Übersetzungen wie möglich!


    * Das ist natürlich ganz klar eine vereinfachte und verkürzte Ausführung.

    Hines geht in seinem aktuellen Blogpost noch einmal kurz darauf ein, wie er seinen Erfolg in Deutschland einschätzt:


    Zitat

    And as it turned out, monster-themed books were the Hot Trend in Germany when my goblin books came out. If I’d added David Hasselhoff to the story, I could have retired a millionaire. But even without the Hoff, I was able to ride that trend, not because of anything I had planned, but because I happened to have the right books at the right time, with an agent who could make that deal happen. It was awesome, and I’d love to catch another wave like that, but I don’t think that’s something I have a lot of control over.


    Das fasst es ganz gut zusammen, finde ich: Die Völkerromane waren ein Trend, Hines konnte an diesem Trend partizipieren und er hat dadurch einiges Geld verdient. Die Qualität von Übersetzungen hat damit vermutlich wenig bis gar nichts zu tun – wie ja auch die stets umstrittenen ASoIaF-Übersetzungen den Erfolg von George R.R. Martin nicht behindert haben.

    Wird "Rotverschiebung" denn noch mal neu aufgelegt? Mir blutet immer ein wenig das Herz, wenn Bücher bei amazon für 0,01 Euro angeboten werden. Einerseits freut es mich, dass ich günstig weg komme, andererseits wäre ich auch bereit für gute Literatur entsprechend Geld auszugeben.


    Mir ist leider nichts von einer deutschen Neuauflage bekannt. Zuletzt hat der Verlag Freies Geistesleben einige Bücher von Garner neu herausgegeben (teilweise mit ziemlich scheußlichen Covern), aber Rotverschiebung war nicht dabei. Im Original gibt es das Buch von HarperCollins. Die antiquarisch erhältliche deutsche Übersetzung finde ich in Ordnung, das Problem mit der deutschen Taschenbuchausgabe – und möglicherweise auch der gebundenen Ausgabe – ist nur, dass in ihr der chiffrierte Brief, der im Roman eine Rolle spielt, nicht abgedruckt ist. Der dechiffrierte Brieftext ist im englischen Wikipedia-Artikel zu Red Shift zu finden. Schade ist es also vor allem, falls man den Roman auf deutsch lesen, aber auch den Brief gern selber entschlüsseln möchte.

    Vielleicht ein reiner Dialog-Roman in fantastischen Gefilden, vielleicht ein Buch, das in nur kleinem örtlichen Umfeld lokalisiert ist. Es muss auch nicht viel passieren (keine ausgedehnten Schlachten, politische Intrigen, etc.) - es soll ein verhältnismäßig stiller Roman sein, in dem eher ein Fokus auf eine feine Figurenzeichnung, zwischenmenschliche Beziehungen, starke und/oder innerpsychische Konflikte/Veränderungen gelegt wird.


    Hast du Red Shift (Rotverschiebung) von Alan Garner schon gelesen? Ich frage deshalb, weil das Zitierte wie eine Beschreibung dieses Romans klingt: Er besteht fast ausschließlich aus Dialogen, spielt in drei verschiedenen Zeitaltern (Britannien während der römischen Besatzung, englischer Bürgerkrieg, 20. Jahrhundert) am selben Ort und handelt von einem psychischen Konflikt, der die drei Handlungsebenen miteinander verbindet. Falls du ihn noch nicht kennst, kann ich ihn nur wärmstens empfehlen – sage aber dazu, dass Garner in diesem Roman radikal mit allen Vorstellungen gebrochen hat, wie Fantasy auszusehen habe. Vor allem erfordert Red Shift wegen des völligen Fehlens von Beschreibungen eine intensive, konzentrierte Lektüre. Aber es lohnt sich ungemein. Ist eins meiner Lieblingsbücher. :yes:

    Zitat

    Do you mention
    Nazis? Or do you make allusions to them? Be prepared for some political correct translator to change things for you.


    Dafuq? :stupid:


    Hines' »Writing Income«-Posts gibt es ja schon länger. 2008, als Die Goblins in Deutschland auf der Völkerromanwelle mitschwamm, betrugen seine Einnahmen aus foreign sales 44.000 $, 2011 waren es noch 18.000 $. Man kann ja berechtigte Fragen an den deutschen SFF-Buchmarkt stellen – z.B. die, warum der Erfolg eines Autors so sehr von fragwürdigen Dingen wie der Vermarktung im kurzlebigen Völkerromansegment abhängig ist. Aber ausgerechnet Hines zum Anlass für einen Blogpost zu nehmen, der besagen will, dass deutsche Übersetzungen eine Katastrophe für englischsprachige Autoren sind? Kommt mir ziemlich komisch vor.

    Ich finde es immer schwer einem Autor/Künstler ne Idee zuzusprechen, aufgrund der eigenen Interpretation. Wie oft wird in Gedichte etwas hineininterpretiert und somit von Profis als Absicht des Autors ausgelegt wobei der vllt gar keine Absicht hatte.
    Ich weiß jetzt nicht ob Tolkien da offen geredet hat, was er mit wem sagen wollte, oder welche Ereignisse sich wie in seinen Werken widerspiegeln.


    Tolkien könnte man geradezu als Paradebeispiel ansehen, warum es problematisch ist, sich auf die Intention des Autors zu berufen. Er hat sich zwar recht oft zu seinem Werk geäußert, aber man gewinnt bei seinen Äußerungen schon mal den Eindruck, dass es ihm vor allem darum ging, Interpretationen abzuwehren, die ihm persönlich nicht in den Kram passten. Smith of Wootton Major z.B. lässt sich mit einigem Recht als Kunstmärchen mit einer allegorischen Bedeutung interpretieren, aber als ein Leser oder Kritiker sagte, es sei sinnlos, nach der Bedeutung dieses Werks zu fragen, jubelte er geradezu. Es wirkt ein bisschen so, als hätte es Tolkien starkes Unbehagen bereitet, dass er als veröffentlichter Autor die Interpretationshoheit über seine Texte verlor.


    Wenn man aber von einer Autorenintention nur sehr bedingt sprechen kann, heißt das andererseits nicht, dass man nach Belieben interpretieren kann. Ein Werk legt selber bestimmte Interpretationen nahe und weist andere von sich. Insofern lässt sich schon von einer „Idee“ sprechen, nur muss die halt im Werk selber aufzufinden sein und nicht im Kopf des Autors. Ich glaube, man kann mit Recht vermuten, dass die Hobbit-Trilogie die Werksintention des Buches nicht wiedergibt, auch ohne sich darauf berufen zu müssen, was Tolkien vermutlich darüber gedacht hätte. Es reicht, das Buch mit den Filmen zu vergleichen.


    (Es gibt in dieser Sache natürlich rein sprachlich die Gefahr von Missverständnissen. Wenn man sagt „Tolkiens Idee war aber eine andere“, ist häufig gemeint „Im Buch kommt das anders rüber“ und eben nicht wirklich „Tolkien hat sich etwas anderes gedacht, als er das Buch schrieb“.)